5 Dinge, die ich an meinem Job als systemischer Coach nicht mag

6 Jul 2021 | Persönliches

Um es direkt klar zu stellen: Meinen Job als systemischen Coach möchte ich absolut nicht eintauschen. Es bewegt mich zutiefst, Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten, sie dabei zu unterstützen, an ihre eigene Kraft anzudocken, ihnen die Möglichkeit für neue Perspektiven zu eröffnen. Alles in allem kann ich mir kein besseres Wirkungsfeld für mich vorstellen, wo ich mich besser als Mensch zeigen und einbringen kann. Dennoch gibt es 5 Dinge, die ich an meinem Job als systemischer Coach nicht mag.

 

1. Alles allein machen

Freiberuflerin sein ist toll! Eigene Spielregeln machen, eigenen Rhythmus fahren, die Dinge vorantreiben, die man selbst als wichtig erachtet und die Sinn und Freude ins Leben bringen. Wie sehr habe ich mich in meiner Angestelltenzeit danach gesehnt. Ein Kollege hat mich mal gefragt: “Wie ist das bei dir? Genießt du dein freiberufliches Leben?”  Insgesamt kann ich das durchaus aus den eben aufgeführten Punkten bejahen. Dennoch gibt es Zeiten in denen ich mir mehr Anschluss wünsche: Dafür, Ideen laut auszusprechen, Gedanken gemeinsam kreisen zu lassen, sich gegenseitig Impulse zu geben oder auch aufzubauen, wenn es gerade nicht so rosig läuft, Erfolge gemeinsam zu feiern. Es gibt kein Team in das ich mich einfügen kann, was mir als Mensch, der sich Nähe und Tiefe in Beziehungen wünscht, sehr schwer fällt.

Das war vor einigen Jahren der ausschlaggebende Punkt für mich, mir einen Büroraum zu suchen. Ich wollte wieder Menschen, Leben um mich haben. Leider haben sich meine Hoffnungen nicht so wirklich erfüllt, weil die Arbeitszeiten, die Mischung der Menschen und der Arbeitsschwerpunkte nicht so richtig zu meiner Realität gepasst haben. Seit einem Jahr bin ich nun wieder im Homeoffice und suche mir beispielsweise über Online-Co-Workings wenigstens ein bisschen Austausch und Zugehörigkeitsgefühl. Und mittelfristig werde ich mir wohl wieder einen Büroraum suchen. In welcher Form, weiß ich noch nicht, aber auf Dauer das Gästezimmer als Unternehmenszentrale zu nutzen fühlt sich auch nicht ganz stimmig zu meinen Plänen an. Ich werde berichten, wenn sich hier etwas bewegt.

 

2. Orga & alles was an strukturierten Abläufen notwendig ist

Flexibilität kann ich! Sogar ziemlich gut. Was mir jedoch absolut schwer fällt: Planen, Strukturen schaffen, organisieren. Alles was an gleichförmigen Arbeiten ansteht verlangt mir ziemlich viel Kraft ab und ist am Ende häufig doch nicht so, dass es mir die Arbeit wirklich vereinfacht. Schon allein einen Prozess festzuhalten (z.B. Was ist zu tun, wenn ein neuer Blogartikel veröffentlicht wurde), fordert mich heraus. Welches Tool ist zur Erfassung richtig? Was müsste ich festhalten, damit jemand anderes mir das eventuell abnehmen könnte? (Und das ist eines meiner Ziele, denn für solche Aufgaben brauche ich einfach viel zu lange!) Wie stelle ich das dar? Alles Fragen, die ich mir immer wieder neu beantworte. Mal handschriftlich, mal in Evernote, mal in Excel.

Auch dafür wäre es hilfreich für mich, mehr Anschluss zu gleichgesinnten Kollegen zu haben (s. Punkt 1), um mir Kniffe abzuschauen, oder funktionierende Prozesse vollständig übernehmen zu können. Dann gilt es nur noch, diese Prozesse auch beizubehalten und nicht direkt aus dem Wunsch nach Flexibilität heraus, wieder über den Haufen zu werfen…!

Die Stimme aus dem Off: Das heißt nicht, dass ich unzuverlässig oder unpünktlich bin. Hier hilft mir glücklicherweise mein Wertesystem, mich entsprechend aufzustellen.

 

3. Nachrichten von Beratern, die mir in kürzester Zeit ein mega-erfolgreiches Business versprechen

In ein paar Wochen werde ich 8 Jahre Selbstständigkeit feiern. Der Schwerpunkt meiner Aufgabe transformiert sich nach und nach. Ich spüre immer klarer, was ich will, was ich nicht will. Schreibe meine Spielregeln immer weiter, entwickle mich als Mensch und Coach und das zeigt sich natürlicherweise auch in meiner Unternehmensausrichtung.

Mindestens einmal pro Woche bekomme ich über irgendeine Plattform (häufig ist es tatsächlich LinkedIn) ein Angebot einer Unternehmensberatung, die mich in kürzester Zeit als Coach in meiner Branche unglaublich erfolgreich machen will. Genau. Ich hasse diese unpersönlichen, glattgespülten Nachrichten. Als möglicher Kunde fühle ich mich völlig veräppelt, nicht ernstgenommen – weder als Mensch noch als Profi im Bereich Coaching. Gut, meine Haltung sagt viel über mich und mein Verhältnis zur Kaltakquise aus (die mag ich nämlich nach wie vor nicht), aber auch darüber, welche Haltung ich meinen Kunden (egal ob Firmen- oder Privatkunde) gegenüber habe. Für mich ist Augenhöhe und der Blick für die individuellen Bedürfnisse wichtig. Meine Kunden zu begleiten beinhaltet für mich, ihnen keine Ratschläge, Tipps und ToDo’s überzustülpen, sondern gemeinsam mit ihnen herauszufinden, was sie wirklich brauchen und wie ich sie am besten mit meinen Fähigkeiten und Kompetenzen unterstützen kann, damit sie ihrem Ziel näher kommen.

Wie will mich bitteschön eine Beratung, die so seelenlos vorgeht, in meinem auf meinen Werten basierenden Wirken wirklich unterstützen? Dafür fehlt mir tatsächlich die Fantasie und solche Anfragen haben immer die gleiche Folge: Ignorieren und löschen.

 

4. Menschen, die meine Arbeit nicht wertschätzen

Es ist ein Phänomen, das nicht nur ich kenne. Aus meiner Perspektive geht es einigen Coaches so.

Oh, ist das teuer!

*aufgerissene Augen und ein O-Mund*

Wer soll das denn bezahlen?

Ja, Coaching hat seinen Preis. Und ja, das kann sich nicht jeder leisten. Und nochmal ja, es gibt noch immer Coaches, die ihre Arbeit aus meiner Sicht viel zu günstig anbieten.

Nein, du bezahlst nicht die Stunden, die wir zusammen arbeiten.

Du bezahlst meine Ausbildung(en), meine Erfahrung als Mensch, die ich dir zur Verfügung stelle und meine Expertise, die ich über die Jahre als systemischer Coach aufgebaut habe. Und der vermutlich wichtigste Punkt: Du bezahlst die Veränderung, die das Coaching bei dir bewirkt. All das steckt im Preis. Nicht mehr, nicht weniger. Die Fragen, die du dir vor einem Coaching stellen solltest sind: Was bin ich mir wert? Wie soll mein Leben in einigen Monaten aussehen und was ist mir diese Veränderung wert? Kann ich es mir leisten so weiter zu machen?

Wenn du noch mehr zu diesem Thema lesen möchtest, dann findest du bei Yvonne Schudel einen wunderbaren Artikel zu dem Thema. Danke, Yvonne, dass du so klare Worte gefunden hast!

Kleiner Ausflug ins Coaching: Mir ist klar, dass es auch etwas mit mir zu tun hat, wenn ich Menschen anziehe, die meine Arbeit in finanzieller Hinsicht nicht wertschätzen. Denn wir ziehen ja immer das an, was wir auch ausstrahlen. Mir ist das bewusst und gerade auch mit diesem Statement hier stelle ich die Weichen, dass es anders wird. Denk doch mal darüber nach, an welcher Stelle du Dinge oder Menschen in dein Leben ziehst, die du eigentlich so nicht haben willst und was das mit dir zu tun haben könnte!

 

5. Kunden, die auf Wunder hoffen, aber nicht bereit sind etwas dafür zu tun

Faszinierend bis nervig finde ich ein weiteres Phänomen, auf das wir bereits in der Cochingausbildung vorbereitet wurden. Die sogenannten “Besucher”. So werden Menschen bezeichnet, die ins Coaching kommen, aber keine Themen einbringen möchten oder können. Oder die auf die Frage, welches Thema sie denn ins Coaching führt, damit antworten: “Was könnten wir denn machen?”.

Manchmal entsteht bei mir das Gefühl, dass hier eine Fassade aufrecht erhalten wird und dahinter eine ganz verletzliche Seele sitzt, die sich schützen möchte. Es ist nicht meine Aufgabe die Menschen aufzubohren und eine Zwangsbeglückung zu vollziehen. Die Bereitschaft geht immer vom Coachee aus. Es ist für mich völlig okay, wenn mir jemand gegenüber sitzt (virtuell oder direkt im Raum), der keine Thema hat, das ihn drückt. Da kann der Prozess dann auch schnell beendet werden. Was mich allerdings ärgert, ist, wenn dadurch der Eindruck entsteht, dass Coaching ja gar nichts bringt. Und solche Kandidaten gibt es auch immer wieder. Offen gesagt liegt die Quote von Besuchern deutlich höher, wenn Arbeitgeber ihren Mitarbeitern die Möglichkeit für ein Coaching geben. Das sind Situationen, in denen die Rolle die Option auf ein Coaching eröffnet, aber kein wirklicher Leidensdruck dahinter steht.

 

Wenn man das so liest, dann könnte man den Eindruck bekommen, dass ich meinen Job vielleicht doch nicht so gern mache. Weit gefehlt! Wenn sich echte, tiefe Prozesse auftun, Veränderung möglich wird, die Puzzleteile an die richtige Stelle fallen, dann geht mir das Herz auf. Und mal ganz abgesehen von der kindliche Freude, die mich überkommt, wenn mir ein Coachee nachdenklich sagt: “Das ist eine gute Frage. Da habe ich noch nie drüber nachgedacht.”

 

Deine Sabrina

 

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