Grey is Beautiful: eine haarige Geschichte.

9 Mrz 2021 | Persönliches

Es war vor etwa 3 Jahren, als ich zum ersten Mal dieses Gespräch führte. Dieses wichtige, intime Gespräch mit meiner Friseurin. Es war das über die ersten grauen Haare, die sich rund um die Schläfen eingenistet hatten. Noch sehr einzeln, aber doch bei genauem Hinsehen durchaus auffindbar. „Neublond“ haben wir damals gelacht. Und die Optionen abgewägt: doch wieder mal Strähnen machen, tönen, färben? Oder sieht man sie doch gar nicht, weil mein Deckhaar sie zuhängt? Das Thema begleitet mich nun also schon eine ganze Zeit. Darüber einen Artikel schreiben? Darauf wäre ich aus eigenem Antrieb wohl nicht gekommen, aber angestupst durch Renate Schmidt und ihren Aufruf zur Blogparade rund um das Thema „Grey is beautyful“ – there it is: Mein Artikel zum Thema!

Die (farbliche) Geschichte meiner Haare.

Als Kind hatte ich aschblondes Haar. Immer wieder war es aus Inspiration durch meinen älteren Bruder sehr kurz geschoren. Richtig lange Haare hatte ich als Kind genauso wenig, wie irgendwann später. Die Farbe wurde dann ab der Jugend immer wieder gepimpt. Angefangen hat es mit einer Tönung, von der ich dachte, dass sie schnell wieder ausgewaschen sei. Aber da stand eben „langanhaltende Tönung“ auf der Verpackung und so hatte ich monatelang etwas von dem Aubergineton in meinem Haaren. Der hat sich trotz der täglichen Chlorwasserdosis, die ich als Leistungssschwimmerin bekommen habe, trotzig gehalten. Über die Jahre folgten blonde Strähnen, Versuche mit blauschwarz, Henna, kompletter Blondierung bis ich dann wieder – und das für lange Zeit – bei den blonden Strähnen gelandet bin. Es gab einiges, nur meine Naturhaarfarbe (das allseits bekannte Straßenköterblond), die gab es nicht auf meinem Kopf.

Back to Nature.

Der vorerst endgültige Mindshift kam dann mit meiner Schwangerschaft. Obwohl ich zu einem Frisör gehe, der weitgehend Produkte mit natürlichen Inhaltsstoffen verwendet, wollte ich meinen Körper und vor allem den Zwerg, mit dem ich mir meinen Körper zu dem Zeitpunkt geteilt habe, nicht unnötig belasten. Und so hörte ich kurzerhand damit auf, meine Haarfarbe verändern zu lassen. Was ich entdecken durfte, war ein deutlich dunklerer Schopf, als ich ihn in Erinnerung hatte, der nicht nur aschige, sondern – welch Überraschung – auch warme, goldene Nuancen hat. Damit war ich völlig fein, ich habe mir gefallen und somit auch nach Schwangerschaft und Stillzeit nicht mehr mit dem Färben angefangen.

Meine Gedanken.

Ich finde es cool und mutig, wenn Frauen zu ihren Grauen stehen, sie mit Würde und Stolz tragen. Ich verbinde damit ein Einssein mit sich und dem eigenen Körper. Dennoch bin auch ich nicht frei von den gesellschaftlichen Einflüssen und den Vorurteilen, die es rund um das Thema Haare gibt. So habe ich mich auch bei dem Versuch ertappt, dem natürlichen Alterungsprozess ein Schnippchen schlagen zu wollen. Plötzlich habe ich die Wirkung meiner Nahrungsergänzungsmittel in Bezug auf Erhalt der Haarfarbe gegoogelt. Also frei nach dem Motto: Färben, neiiinn, ich doch nicht! Aber wenn es irgendwie anders geht, dann gern. So ganz in der Akzeptanz war ich offensichtlich doch nicht angekommen. Ich wollte lautere Mittel finden. Was auch immer das bei Licht betrachtet bedeutet…Die Kernfrage, die mich jedoch am meisten umtreibt ist: „Passen meine Haare noch zu meinem Gesicht?“

Was es mit dieser Frage auf sich hat?

Ganz frei raus: Ich bin der Meinung, dass ich mich für meine knapp 41 Jahre ziemlich gut gehalten habe. Das trotz vieler Jahre Leistungssport, intensiver Studienzeit (you know what I mean;-)), Hashimoto, Muttersein, Dasein als Selbstständige und einem Jahr Corona-Ausnahmezustand. Und natürlich allem anderen was das Leben sonst so mit sich bringt. Und nun sind diese grauen Haare da, die doch offen zur Schau stellen, dass ich nicht mehr Anfang 30 bin (damit will ich nicht sagen, dass ich das gern wieder wäre!). 

Nochmal ausprobiert.

Im letzten Jahr habe ich mich dann tatsächlich nochmal dazu hinreißen lassen, meine Haare zu tönen. Ich wollte herausfinden, ob es einen Unterschied für mich macht, ob ich mich anders fühle, ich eine Antwort auf meine Frage nach der Passung zwischen Gesicht und Haaren bekomme. Das Farbergebnis war super. Es entsprach vollkommen meinem Naturton, kein Helmgefühl oder ähnliches. Der Haken an der Sache war nur folgender: Ich habe mich total unauthentisch gefühlt, irgendwie verkleidet, fake. Ich habe immer gehofft, dass niemand merkt, dass ich nachgeholfen habe.

Ich frage mich, ob die Entscheidung gegen Farbe, automatisch eine Entscheidung für das Grau ist? Zwangsläufig ist sie das wohl, ja, aber bewusst? Und wenn ich mir diese Befürchtung wach rufe, dass andere entdecken könnten, dass ich nachgeholfen habe, was sagt das bitte über meine freie Entscheidung zum Grau, zum Alter, in aller Konsequenz zu mir zu stehen? Darauf habe ich heute keine klare Antwort, aber es zeigt, wie komplex die Sache mit der Freiheit ist. 

Für den Moment fühle ich es so:

So, wie ich auch nie lange Haare hatte, um meine Weiblichkeit zu betonen, brauche ich auch keine ungrauen Haare, um mich jung, lebendig und verspielt zu fühlen. Haltung und Lebensgefühl entstehen im Inneren. Im Bauch, im Herz und wahrscheinlich auch im Kopf. Aber wohl nicht auf dem Kopf. Mir ist es wichtig mich anzunehmen wie ich bin. Dafür stehe ich einerseits beruflich, sei es mit Fokus auf Hashimoto, oder in anderen Kontexten. Andererseites, im Privaten, möchte ich für meine Tochter ein Vorbild sein, um sie in ihrer Entwicklung zu einer selbst- und körperbewussten Frau zu unterstützen. 

Daher stehe ich dazu: Grey is beautiful! (zumindest vorerst)

Deine Sabrina. 

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